Wie im richtigen Leben
Ihre Öfen sind
aus Gusseisen, die Betten aus Elfenbein und die Vasen aus Murano-Glas:
Die iniaturen von Sanssouci & Co. kopieren ihre Vorbilder bis
ins kleinste Detail. Jetzt sind sie im Museum «Arikalex» in Kleinmachnow
ausgestellt. Tobias Schneider (Fotos) und Christiane Meixner (Text)
haben sich in den Zimmern umgesehen
|
|
Festlich
Zwei Jahre lang saßen die Modellbauer Kevin Mulvany und Susan
Roger aus London an der vier Meter langen Nachbildung von
Schloss Sanssouci.
|
| Foto:
Tobias Schneider |
Den
Wedgwood-Sammelteller an der Wand würde jeder für Fliegendreck halten
und in die Vase aus Murano passt nicht einmal ein Gänseblümchen.
Dennoch bekommen Sammler feuchte Hände, wenn sie die beiden Gegenstände
aus feinstem Porzellan und venezianischem Glas nur sehen: Es sind
Miniaturen, noch dazu aus derselben Zeit, aus der auch die Originale
stammen.
Puppenstuben haben Konjunktur. Häuser und Möbel aller Epochen sind
jederzeit als Bausätze erhältlich. Ganz anders verhält es sich mit
historischen Miniaturen. Sie waren einst als Kinderspielzeug gedacht
und spiegeln heute die Wohn- und Lebenskultur vergangener Zeiten.
Doch darüber hinaus sind die Möbel und anderen Einrichtungsgegenstände,
die seit kurzem im Miniaturmuseum «Arikalex» in Kleinmachnow (geöffnet
montags, 12-16 Uhr, und nach telefonischer Vereinbarung: 030/803 087 30)
zu sehen sind, so aufwändig und liebevoll nachgebaut, dass sie auf
den ersten Blick wie aus dem richtigen Leben wirken.
Die Begeisterung für die vergangenen Winzwelten hat Flohmärkte und
Börsen leergeräumt. Inzwischen findet man die historischen Miniaturen
in Museen oder Privatsammlungen - und manchmal als teures Stück
auf Auktionen. «Arikalex» zeigt sechzehn Repliken im typischen Sammlermaß
1:12. Teils sind es alte Häuser aus dem 19. Jahrhundert, teils hat
Museumschefin Ulla Klingbeil sie in London und St. Petersburg bei
Modellbauern in Auftrag gegeben.
Neu ist etwa das Berliner Haus von 1900 aus Holz und Gips, vorn
zum Aufklappen und gerade mal einen Meter hoch. Eingerichtet ist
es nicht nur komplett im Stil der fünfziger Jahre: Das Interieur
selbst stammt ebenfalls aus dieser Zeit.
Mit vier Metern Länge das Größte unter den Miniaturen ist die Replik
des Schlosses Sanssouci, mit teurem Material ausgestattet ist der
venezianische Palazzo Vendramin: In seinem Rittersaal stehen Rüstungen
aus reinem Silber. Ein ganzes Stück Stadt ahmt ein
gotischen Turm aus dem 14. Jahrhundert nach. An ihn schließt
sich ein Stück Stadtmauer, und wer dahinter blickt, kann sich zurückversetzen
lassen ins Mittelalter.
Ergänzt werden die Modelle durch Vitrinen, in denen Möbeln aus allen
Epochen bis in die zwanziger Jahre die Veränderungen der Zeit nachzeichnen.
Perfekt nach der jeweiligen Mode gekleidet sind zahlreiche Puppen,
und wie die Möbel in den Häusern sind auch ihre Kostüme bis in die
kleinste Perle nachgearbeitet.
All das ist das Ergebnis einer zwanzigjährigen Sammlerleidenschaft.
Den weitaus größten Teil hat Ulla Klingbeil in langwieriger Kleinarbeit
auf Messen, Auktionen und bei Antiquitätenhändlern zusammengesucht.
Anfangs hat oft der Zufall eine Rolle gespielt. «Später», sagt sie,
«erfuhr ich, dass es für jede Stilrichtung und jede Einzelheit wie
Mobiliar oder Geschirr Handwerksspezialisten gibt.» Seitdem geht
es ihr wie allen professionellen Sammlern: Für jedes Detail muss
das Beste her. Und wenn sie mal keine authentischen
Stücke auftreiben kann, wendet sie sich an Modellbauer. Sie fertigen
die Häuser und Möbel aus einer längst vergangenen Zeit nach Vorlagen
an - denn die Einzelheiten sollen schon stimmen. Und so ist für
den Laien nicht zu erkennen, was von damals stammt und was neu geschaffen
wurde.
© Berliner Morgenpost 2001
Zurück
Presseseite - Back - retour page presse-
Erste
Seite-accueil-Home
|